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Wie sich das Silicon Valley mit Drogen zu „optimieren“ versucht

Ein Bericht zum Thema:

Teile der Hacker-Szene und die „Trans-Humanisten“ wollen mit Chemikalien sogar die Evolution beschleunigen. Lauter Spinner, ein bizarres Projekt der urbanen Eliten? Alexander Wendt schrieb ein Buch über die Kulturgeschichte der Drogen der Gegenwart.

Die europäische Drogen-Beobachtungsstelle misst jährlich die Rückstände von Rauschmitteln im europäischen Abwasser. Wer ist vorn mit dabei? Barcelona, die Party-Hauptstadt. Allerdings nur bei Kokain, dicht gefolgt von Antwerpen, Zürich, St.Gallen, Basel, Bern, lauter klassische Arbeitsstädte – und zwar mit LSD, Amphetaminen, Ritalin oder Modafinil. Worum geht es dabei? Weniger um Rausch, sagt der Autor Alexander Wendt. Eher um Effizienz, darum, auf Dauer konzentrierter, dünner, zufriedener, leistungsfähiger zu werden. Das belegt er mit vielen Beispielen in seinem Buch „Kristall – eine Reise durchs 21. Jahrhundert“. Für die kulturWelt auf Bayern 2 sprach Joana Ortmann mit dem auch politisch hoch umstrittenen Autor.

Joana Ortmann: Ja, das klingt so, als sei lustvolle Bewusstseinserweiterung eher ein Retro-Phänomen. Was markiert denn für Sie diesen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Drogen?

Alexander Wendt: Dieser Wandel ist Stück für Stück gekommen. Es gibt auch einen sehr bemerkenswerten Satz von Ernst Jünger, schon aus den vierziger Jahren. Er sagt, es wird einen Wandel geben hin zu Leistungsdrogen, Leistungsstimulierung und weg vom Hedonismus. Das ist erstaunlich hellsichtig gewesen, denn so ist es danach gekommen. Aber wir haben ja schon vor dieser Zeit, als er das gesagt hat, einen großen Massen-Versuch mit dem Einsatz einer Droge zur Leistungsstimulierung: Pervitin im Zweiten Weltkrieg. Das ist erst mal Piloten gegeben worden, damit sie länger durchhalten, dann breit an die Soldaten verteilt worden. Und das ist das, was wir heute als „Crystal Meth“ kennen, Amphetamin. Viel später ist das in die Gesellschaft eingesickert, dieser Trend, diese Substanzen zur Leistungssteigerung, zur besseren Performance einzunehmen. Man kann sagen, eine Hochblüte wurde in der letzten Zeit gerade im Silicon Valley erreicht, wo diese Technik des „Micro-Dosing“ entdeckt worden ist. Das ist erklärungsbedürftig. Die „Micro-Doser“ sagen: „Wir haben die Drogen nur falsch verstanden. Es ist falsch, sie exzessiv zu nehmen, so wie das im ‚Summer of Love‘ passiert ist. Man muss sie dosieren. Man muss sie kontrollieren.“ Das heißt für die, nur ein Zehntel der Rausch-Dosis zu nehmen, was dann nicht den eigentlichen Rausch, den Exzess verursacht. Aber die Leute aus deren Sicht konzentrierter macht, zugewandter macht, zu leistungsfähigeren Personen macht und das ist, wie gesagt, mittlerweile sehr, sehr weit verbreitet. Mittlerweile nicht nur im Silicon Valley, sondern in vielen westlichen Großstädten. 

Buch-Cover „Kristall – eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts“ (Ausschnitt)

© Klett-Cotta-Verlag

Ganz grob werden im Buch drei Phasen der menschlichen Kulturgeschichte mit Drogen unterschieden, und zwar die traditionelle, die hedonistische Nutzung von Drogen, die vor allem bei den 68ern üblich war, und die heutige, an der Effizienz orientierte Nutzung. Das ist ein großer Bogen, quasi von Spiritualität hin zu diesen Bewegungen der Gegenwart, die sich „Trans-Humanismus“ nennen. Wie ist denn hier der Status quo? 

Das sind jetzt alles frühe Stadien. Man sieht, dass Mykotoxine in den Vereinigten Staaten in urbanen Zentren sehr verbreitet sind, allerdings in einer kleinen, in der Regel gutverdienenden Elite. Und auch diese Experimente, das Zusammenführen bestimmter Substanzen, die in den Körper eingebaut werden, das sind erst Pioniere, die das machen. Ich habe mal mit einem Fotografen gesprochen, der diese Hackerszene länger beobachtet hat, auch fotografiert hat in den USA. Das passiert in Garagen. Eine Mischung aus Party und Operationssaal, wo sich Leute das einsetzen lassen. Einige von denen nehmen dann auch gleichzeitig bestimmte Substanzen und sie hoffen, dass sie die Pioniere einer Entwicklung sind, an dessen Ende ein „göttlicher Mensch“ steht, der eben sehr viel länger wach bleiben kann, der sehr viel länger konzentriert bleiben kann, der direkt mit elektronischen Geräten, mit Software kommunizieren kann, sich möglicherweise irgendwann mit künstlicher Intelligenz verbinden kann. Das sind alles Entwicklungen, deren Anfangsstadium wir sehen. Was dann herauskommt, was das für die Gesellschaft bedeutet, das werden wir wahrscheinlich erst in 20, 30 Jahren sehen. 

Wie stehen Sie denn selber zu dieser Entwicklung? 

Mein Buch ist kein Manifest, das ist kein Ratgeber-Buch. Es ist teilweise Kulturgeschichte, Rückblende, teilweise Gegenwartsgeschichte. Ich versuche, ein Panorama zu zeichnen. Für einen Appell in die eine oder andere Richtung ist das Problem einfach zu kompliziert. Es besteht aus vielen einzelnen Facetten, aus vielen Einzelproblemen. Was ich allerdings für sehr sinnvoll halte, ist die Drogen-Entkriminalisierung. Die sehen wir ja auch in sehr vielen Staaten weltweit. In dreißig Bundesstaaten der USA beispielsweise ist Cannabis ja mittlerweile erlaubt. Portugal hat schon seit längerem alle Drogen entkriminalisiert. Das bedeutet, dass man für kleine Mengen nicht mehr polizeilich verfolgt wird. Das heißt nicht, dass alles legal ist. Uruguay hat Cannabis jetzt freigegeben. Kanada vor wenigen Tagen, da ist also eine weltweite Entwicklung im Gange, weil auch immer mehr Leute, übrigens auch bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft, den Geheimdiensten sehen: Die bisherige Drogenpolitik ist gescheitert. Sie hat die Menge, das Angebot von Rauschsubstanzen nie vermindert. Das heißt, dass ist auch deutlich ein politisches Thema. 

Was hat Sie denn an dieser Dimension interessiert?

Mich hat an dem Thema sehr gereizt, dass sehr viele Dinge zusammenkommen. Diese Diskussion um Trans-Humanität, künstliche Intelligenz, was in den letzten beiden Kapiteln vor allem eine Rolle spielt, das beschäftigt sich auch mit der Frage: Was kommt jetzt eigentlich in den nächsten zwei Jahrzehnten, auch durch die Entwicklung in der Technik und durch die Entwicklung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz? Diejenigen, die zu dieser Bewegung gehören, die sagen, ja, der Mensch muss jetzt eine schnelle Evolution durchmachen, muss sie selbst organisieren, um überhaupt auf gleicher Höhe zu bleiben mit der künstlichen Intelligenz. Es gibt ja viele Prognosen, die sagen, in wenigen Jahren sind Programme intelligenter als Menschen und können selbst Programme schreiben, was dann zu dieser Idee führt, der Computer könnte möglicherweise die letzte große Erfindung der Menschheit sein, weil dann die Erfindungen ohne wesentliche Beteiligung von Menschen, nämlich von Programmen übernommen werden. 

Der Mensch also im Wettkampf mit der Maschine. Und jetzt denke ich, an diesem Punkt, weil sie ja auch Gesinnungsfragen stellen, müsste man das Gespräch noch erweitern, denn Sie sind Ihrerseits als Autor mit diesem Buch unversehens in eine ganz anders geartete, politische Gesinnungsdebatte rein geraten. Einige Buchhandlungen haben die Buchvorstellung nämlich abgesagt in den vergangenen Tagen, weil Sie einer der Unterzeichner der „Erklärung 2018“ sind. Das ist eine viel debattierte Angelegenheit. Ich zitiere mal nur den ersten Satz: „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird.“ Zitat Ende. Da haben Sie unterschrieben, wie viele andere: Uwe Tellkamp, Thilo Sarrazin, Henryk Broder. Das ist eine Debatte, die mit Drogengeschichte erst mal nichts zu tun hat, mit dieser Absage aber doch in einen seltsamen Kontext gerät. 

Zum einen gibt es einfach Menschen, die ambivalent sind, die sich nicht in das eine oder das andere Lager so einordnen lassen, wie das manchen lieb wäre. Ich glaube, die verstören zurzeit am meisten. Aber es gibt auch eine gemeinsame Klammer zwischen denen, die die „Erklärung 2018“ unterstützen und den Kreisen für eine andere Drogenpolitik, nämlich Pragmatismus. Diejenigen, die die Erklärung unterschrieben haben, die sind in der Tat der Meinung, dass die Probleme von Afrika und von arabischen Ländern nicht auf deutschem Boden gelöst werden können. Das ist aber eine Meinung, die Sie mittlerweile sehr, sehr häufig finden, die finden Sie bei dem ehemaligen Chef des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, beim früheren Verfassungsrichter Udo Di Fabio, die finden sie auch bei Sahra Wagenknecht und Sie finden sie bei Intellektuellen wie Uwe Tellkamp. Das ist einfach eine gesellschaftliche Debatte. Und wie gesagt, ich bin immer gegen ideologische Einpanzerungen, sondern für Debatte und für Pragmatismus. 

Alexander Wendt: „Kristall – Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts“, Klett-Cotta, 17,95 Euro.

QUELLE UND TEXT: 26.10.2018, 12:49 Uhr

Wie sich das Silicon Valley mit Drogen zu „optimieren“ versucht BR24

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